Freiheit und die großen Fragen – oder: Metaphysik und Unentscheidbarkeit

Heinz von Foersters prinzipiell unentscheidbare Fragen

„Je mehr ich mich mit der Physik beschäftige, stelle ich fest, dass ich eher ein Meta-Physiker bin.“
– Heinz von Foerster (im Film „90 Jahre Heinz von Foerster“)

Um zu erklären, was denn ein Meta-Physiker sei, macht der Kybernetiker und Philosoph eine Unterscheidung zwischen entscheidbaren und unentscheidbaren Fragen.

Es gibt unter den Fragen, die wir über die Welt stellen, solche, die man beantworten kann: „Heinz von Foerster, wie alt sind Sie?“ – das kann man beantworten, man kann nachschauen, geboren 1911, das heißt er ist 90. Oder man kann Fragen [fragen], die nicht beantwortet werden können: „Heinz von Foerster, sag einmal, wie ist das Weltall entstanden?“ – nun, da kann ich eine der 35 verschiedenen Theorien sagen: Fragen Sie einen Sternkundigen, und der sagt: Da war doch dieser Big Bang vor 20 Millionen Jahren; oder ich frage einen braven Katholiken: Jeder weiß wie das entstanden ist, Gott hat die Welt erschaffen, und nach sieben Tagen war er müde. […]

Also, da gibt’s verschiedene, sehr interessante Hypothesen wie das Weltall entstanden ist. Das heißt, es gibt deshalb so viele Hypothesen, weil die Frage nicht beantwortbar ist.

Daran anschließend kommen einem sofort weitere, unentscheidbare Fragen in den Sinn:

  • Gibt es einen Gott?
  • Hat das Leben einen Sinn?
  • Gibt es eine objektive Realität?
  • Was ist Schönheit?…

Im Buch „Teil der Welt“ (Carl Auer, Heidelberg 2002) erläutert Heinz von Foerster das Phänomen der prinzipiell unentscheidbaren Fragen noch genauer, auf Basis der Logik. In einem logischen System kann ich Aussagen auf wahr oder falsch überprüfen, indem ich sie in Teilaussagen zerlege, aus denen sie abgeleitet sind. Diese Aussagen (oder Fragen) sind also entscheidbar, d. h. ich kann ganz einfach testen ob sie stimmen oder nicht.
Irgendwann stoße ich jedoch auf Aussagen, die so elementar sind, dass ich sie nicht mehr als Zusammensetzung anderer Aussagen ansehen kann. Dann habe ich keine Möglichkeit, sie innerhalb meines logischen Systems zu prüfen. Sie sind also unentscheidbar. In der Logik und Mathematik nennt man solche grundlegenden, unprüfbaren Aussagen auch Axiome; aus ihnen leitet sich alles andere ab.

Die eintscheidbaren Fragen sind alle schon für mich entschieden, da gibt es für mich nichts zu rütteln. Es kann mich jedoch niemand zwingen, bestimmte Axiome anderen vorzuziehen, mehr noch: die Logik kann gar nichts über diese prinzipiell unentscheidbaren Fragen aussagen! Ich bin also völlig frei, unbeantwortbare Fragen für mich zu beantworten.

Daran anschließend kommt auch der Metaphysik eine neue Bedeutung zu: in einer Welt, in der nicht alles entscheidbar ist, muss ich mich immer wieder für die eine und gegen die andere Antwort entscheiden. In diesem Sinn ist Metaphysik eine völlig legitime und sogar notwendige Praxis – ich betreibe ja auch im Alltag ständig Metaphysik!

Aus diesen Überlegungen folgt ein viel radikalerer Begriff der Freiheit, der sogar bis in die philosophische und wissenschaftliche Tätigkeit hineinreicht. Noch wichtiger ist er jedoch im Alltag, in Form von verschieden Haltungen, zwischen denen ich mich in Bezug auf alle Lebenslagen entscheiden kann.

Mit dieser Art von Freiheit kommt natürlich auch Verantwortung ins Spiel. Sobald ich mir meiner Freiheit zu entscheiden bewusst werde, habe ich nicht mehr die Möglichkeit, jemand anders für meine Entscheidung verantwortlich zu machen, sei es die Religion, die Naturwissenschaften oder eine objektive Realität.

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